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Leichenberg 01/2020

 

Alack Sinner-Zyklus Die beiden Argentinier Carlos Sampayo und José Muñoz haben mit dem Alack Sinner-Zyklus (avant-verlag, dt von André Höchemer) in den Jahren 1975 bis 2006 einen epischen Meilenstein der Graphic Novel geschaffen, der erst jetzt vollständig auf Deutsch zu bewundern ist. Alack Sinner ist ein Ex-Cop, der sich jetzt als Privatdetektiv in New York durchschlägt. Ein ganz und gar imaginiertes New York, das die beiden Künstler zunächst gar nicht kannten. Ein New York, das vor (Polizei-)Gewalt, Rassismus, sozialem Gefälle und faschistoidem Denken vibriert. Alack Sinner, wie schon der Name sagt, ist wahrlich kein Unschuldslamm, aber er hat Haltung inmitten einer haltlosen Welt. Auch wenn seine Fälle in den Peripherien der Gesellschaft beginnen, sie enden meistens in Gegenden, in denen Politik und Macht zusammenlaufen. Deswegen enden sie auch nicht immer glücklich. Zur Überzeugungskraft von derlei Stories über einen explizit "linken" Privatdetektiv (der zwei Jahre vor dem Auftauchen von Roger L. Simons dauerkiffendem Hippie-Detektiv Moses Wine entstand), brauchte es eine kräftige Bildsprache, für die José Muñoz' holzschnittartige schwarz-weiß Panels benutzte, die ihrerseits eine Menge zusätzliche Bildkontexte aufrufen - von Frans Masereel über Georg Grosz und Alberto Breccia bis zur Harlem Renaissance. Letztere wiederum bildet die Klammer zu einem anderen, ständig präsenten Subtext, dem Jazz (dem das Duo später eigene Comics widmete: "Billie Holiday" oder "Fats Waller" zum Beispiel), der den organischen Soundtrack zu den Geschichten liefert. Alack Sinner versucht nicht realistisch zu sein, sondern visionär und halluzinant. Das macht den Zyklus zu einem großen Kunstwerk.

 

Trüb "Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer", so beginnt verheißungsvoll Trüb von Sarah Schulman (Ariadne, dt. von Else Laudan). In einem vor (Polizei-) Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, sozialem Gefälle und abgewrackten Menschen eher dahinvegetierenden New York, versucht die abgestürzte Ex-Polizistin Maggie Terry (so auch der Originaltitel des Romans) wieder auf die Füße zu kommen und heuert bei einer Anwaltskanzlei als Privatermittlerin an. Sie soll den Mord an einer Nachwuchsschauspielerin aufklären und steckt plötzlich in einem an Ross Macdonald erinnernden Familiendrama, das ihren eigenen Problemen mit ihrer Familie mehr als gleicht. Sarah Schulman setzt auf psychologischen Realismus und beginnt eine quasi psychoanalytische Tiefenbohrung, schmerzhaft für alle Figuren, schmerzhaft auch für die Leserinnen und Leser, die ausführlich und einlässlich in die Höllen des Personals gezogen werden, wobei zum Personal des Romans auch die Mitglieder von Maggie Terrys AA-Gruppen gehören, die wiederum mit dem Aufklärungsstrang des Romans wenig bis gar nichts zu tun haben. Der deutsche Titel, Trüb, erweist sich, so gesehen, als absolut stimmig.

 

Nada Doug Headline, der Sohn von Jean-Patrick Manchette, hat mit dem Zeichner Max Cabanes Manchettes wohl berühmtesten Roman, Nada, (Splitter, dt. von Tanja Krämling) als Graphic Novel adaptiert, ein Duo, das sich auch schon der »Blutprinzessin« und »Fatale« angenommen hatte. Der Comic folgt mit seinen fahlen Farben und den blutroten Akzenten der Story von Manchette ziemlich genau, ohne allzu sehr auf die Chabrol-Verfilmung zu rekurrieren (naja, ein bisschen schon), aber was die Bilder nicht rüberbringen, ist die ätzend sarkastische Komik, mit der Manchette seine Abrechnung mit dem politischen Terrorismus einer diffus gewordenen Linken mit seinen sprachlichen Minimalismen inszeniert hat. Der Vorteil von vielen Comic-Adaptionen ist oft, dass sie gegenüber der Romanvorlage mehr oder andere Sinndimensionen ins Spiel bringen können, hier kann ich keine erkennen, weniger ist hier in der Tat weniger. Nada, der Comic, bebildert »Nada«, den Roman. Aber das ist vielleicht ein grundsätzliches Rezeptionsproblem von Manchette, den man lieber als Noir-Autor wahrnehmen will, mit allem Pathos, den der Begriff "Noir" mit sich schleppt und damit auch seine Aficionados nobilitiert, anstatt als großen komischen Autor, denn Manchettes Subversivität besteht in seiner Sprachverwendung.

 

Nada Ángel de la Calle: Pinturas de Guerra (Reino de Cordela). Nach »Tina Modotti« die zweite große Graphic Novel von Ángel de la Calle, ziemlich der spannendste zeitgenössische spanische Comic-Künstler. Die in Text und Bild hochverdichtete, anspielungsgespickte Geschichte über exilierte südamerikanische Maler im Paris der 1960er und 1970er Jahre, die der Unterdrückung entkommen wollten und in die nächste Unterdrückung schliddern. In diesem Aspekt war die Welt auch schon damals globalisiert und de la Calles Graphic Novel ist ein faszinierendes Stückchen Kultur- und Politikgeschichte mit unendlich vielen Implikationen. Eine deutsche Fassung ist mehr als überfällig. Und der nächste Wurf ist schon im Entstehen - ein Epos über die popkulturell so wichtige Transición, also die Zeit zwischen Franco und der Stabilisierung der Demokratie, die einen unerhörten Kreativitätsschub ausgelöst hatte.

 

Die Frau in der Themse Verdächtig nach Steampunk sieht auf den ersten Blick Die Frau in der Themse des kanadischen Autors Steven Price (Diogenes, dt. von Anna-Nina Kroll und Lisa Kögelböhn) aus, aber das täuscht. Zwar orientiert sich die Darstellung der Londoner Unterwelt des Jahres 1885 deutlich an den topischen Darstellungen der Zeit von Charles Dickens, Henry Mayhew und den Bildwelten von Gustave Doré, mit einem Schuss Atmosphäre der BBC-Serie »Taboo« (mit Tom Hardy), aber Price entwickelt eine durchaus nicht dauerzitierende Handlung um William Pinkerton, den nicht fiktiven Sohn von Allan Pinkerton, dem Gründer der ersten Privatdetektei und Spionagechef der Union im amerikanischen Bürgerkrieg. Pinkerton junior hetzt in London hinter einer Chimäre her, die seinen Vater obsessiv verfolgt hatte: Ein Meisterverbrecher namens Edward Shade, den aber anscheinend niemand je gesehen hat. Eine Spur führt über Charlotte Reckitt, eine Profiverbrecherin, die vor Pinkertons Augen in der Themse verschwindet. Charlotte Reckitt wiederum war die Komplizin des Gentleman-Gangsters Adam Foole, den sie mit einem Hilferuf nach London beordert hatte und der dort einen großen Coup plant. Hört sich kompliziert an, ist aber lediglich komplex. Außerdem führt die Geschichte in Flashbacks in den amerikanischen Bürgerkrieg und wartet dort mit spannenden Szenen über Geheimdienstarbeit, Loyalität und Verrat auf und vor allem mit großartigen Szenen über die Rolle von Ballons in der damaligen Kriegsführung (Stichwort: Artilleriebeobachtung und Höhenaufklärung). Allein dieses Detail ist schon großartig. Es ehrt Price auch, dass er den zeitgleich umgehenden Jack the Ripper nur sehr im Hintergrund agieren lässt und daraus kein Cameo-Spektakel macht. Die Prosa des Romans ist subtil-wuchtig, sie lebt, könnte man fast sagen, stellenweise von Pleonasmen, aber das passt schon. Man muss kein Fan von historischen Kriminalromanen sein, um dieses ziemlich gewaltige Buch schätzen zu können.

 

Der zweite Schlaf Leider ziemlich verschossen hat Robert Harris eine gute Idee in Der Zweite Schlaf (Heyne, dt. von Wolfgang Müller): Vor ungefähr 800 Jahren hat es die Menschheit endlich geschafft, sich ins vorelektronische Zeitalter zurückzuschießen. England wird von einem rigiden Klerus beherrscht, der genau weiss, was die sündige "Zivilisation" (also die von heute) zum Untergang gebracht hat - Gottlosigkeit. Insofern wurde Geschichte umgeschrieben und mystifiziert und voraufklärerische Sitten und Gebräuche wieder etabliert (hören wir da leichte Echos von »The Handmaid's Tale«?), Klassengesellschaft, öffentliche Hinrichtungen, Ketzerverfolgung und was es derlei krude Dinge so gab und eben in der Realzeit des Romans wieder gibt. Da tauchen in einem abgelegenen Kaff plötzlich Relikte wieder auf, die die offizielle Geschichtsschreibung widerlegen würden. Das darf natürlich nicht sein und so gerät der Jungkleriker Fairfax nicht nur in erotische Verstrickungen, was natürlich des Teufels ist, sondern auch in einen Glaubenskonflikt. Denn neugierig ist er ja schon, der kleine Ketzer. Das geht auch die ersten hundert Seiten gut, wird aber dann zunehmend zäher und absehbarer und endet mit einem totalen Luftausfall. Ein paar hübsche Details wie iPhone-Relikte und andere, jetzt total rätselhaft erscheinende Artefakte aus unserer Zeit, helfen leider auch nicht weiter, weil der Roman keine Pointe hat, keinen wirklich aufregenden Punkt, außer der fahlen Erkenntnis, dass die Leute in unserer Zeit auch ganz schön große Arschlöcher waren und deswegen mitsamt ihrer HighTech aus der Geschichte verschwunden sind. Much ado about nothing.

 

Die Kakerlake Hübsche Ideen soll man nicht allzu breittreten. In Ian McEwans Polit-Satire Die Kakerlake (Diogenes, dt von Bernhard Robben) verwandelt sich eine Kakerlake in den britischen Premierminister und etabliert ein Kakerlaken-Kabinett (nein, die realen Bezüge muss man jetzt nicht noch erklären, auch nicht den literarischen Referenztext) und treibt mit Hilfe des möglicherweise auch schon mutierten US-Präsidenten die Welt in den Untergang, d.h. die Spezies homo sapiens wird sich fröhlich selbst erledigen und die evolutionär überlegenen Blattidae werden endlich wieder Ruhe haben auf dem Planeten. Ins Werk gesetzt wird der Plan mit Hilfe der menschlichen Dummheit, die eine total bescheuerte Inversion des globalen Wirtschaftssystems, genannt Reversalismus (Waren bekommt man geschenkt, um arbeiten zu dürfen, muss man bezahlen) wird wider jeden Hauch von Vernunft freudig akzeptiert und damit sehenden Auges das Chaos losgetreten. Das ultimative Telos von Fake News und postfaktischer Politik ist erreicht. Das ist selbst für 132 Seiten zu dünn, für eine 30 Seiten Story hätte es allemal gereicht, zumal McEwan sich natürlich seinen Zorn über den irrsinnigen Brexit vom Leibe schreibt, was man wiederum nur zu gut verstehen kann.

 

Limassol Erfreulicherweise gibt es nach zehn Jahren eine Neuauflage von Yishai Sarids Limassol (Kein & Aber Pocket, dt. von Helene Seidler), einen Politthriller aus Israel, der damals, gemessen an seiner Qualität, zu wenig Beachtung gefunden hatte. Aktuell ist der Roman sowieso immer noch. Ein Agent des Schabak (eigentlich Schin Bet, der israelische Inlandsgeheimdienst), der keine großen Probleme damit hat, Araber unter Terrorverdacht zu foltern und auch zu töten, stößt an die ethischen Grenzen seiner Loyalität, als es darum geht, einen friedlichen, sterbenskranken und auch in Israel hochgeschätzten arabischen Dichter als Köder zu benutzen, um dessen in der Tat zum Terroristen gewordenen Sohn in Limassol auf Zypern in eine tödliche Falle zu locken. Der schmale, nur 205 Seiten lange Text, stellt all die "unbequemen Fragen", die zu thematisieren den Nucleus von guten Polit-Thrillern ausmacht. Das Dilemma, das sich zwischen Staatsraison (wie berechtigt sie auch ist, hier geht es darum, Selbstmordattentäter zu stoppen) und individueller Moral, auftut, ist eben das, was ein Dilemma ausmacht: Es gibt keinen richtigen Ausweg. Und davon erzählt das Buch, konzentriert, seriös, auf alle wunden Punkte gebracht, ohne je ein Thesenroman zu sein. Extrem unbehaglich, großartig.

 

Quantum Spy - Der Feind im System Der Konflikt zwischen patriotischer Loyalität und ethnischer Bindung treibt den CIA-Agenten Harry Chang um, als er in ein Duell zwischen seinem Geheimdienst und dem chinesischen "Ministerium für Staatssicherheit" gerät, die sich wegen eines potentiellen Durchbruchs auf dem Gebiet Quantencomputertechnologie in die Haare bekommen. Chang ist die Hauptfigur von David Ignatius' neuem Roman Quantum Spy - Der Feind im System (Rowohlt Hundert Augen, dt. von Stefan Lux), wobei der Quantencomputer leider nur der gute alte MacGuffin ist, der Ignatius dazu dient, das klassische Such-den-Maulwurf-Spiel zu inszenieren. Doch ach, trotz aller netten, gar artigen und unterhaltsamen Rochaden und Twist, ist dieser Plot viel zu durchsichtig und läuft nach dem business-as-usual-Algorithmus für Maulwurf-Romane, und warum der wackere Harry Chang sich dann plötzlich tatsächlich beinahe mit seiner Familiengeschichte von den Chinesen ködern lässt, bleibt rätselhaft. Das auf Happy-Ending getrimmte Buch tickt viel zu mechanisch, um auch nur einen Hauch von Drama, Dramatik, gar Tragik oder sonstige substantielle Elemente zu tragen. Bleibt nur die Botschaft: China ist böse und gefährlich und die Weltherrschaft steht letztendlich doch den Amis zu.

 

2 Entschleunigung konnte man vor einiger Zeit gutwillig als Erzählprinzip von Hideo Yokoyamas Roman-Monster »64« ausmachen. Jetzt hat Atrium zwei Novellen aus dem Jahr 1998 nachgeschoben: 2 (dt. von Sabine Roth). 81 Seiten die eine, 56 Seiten die andere, lose verknüpft durch die Figur des Inspektors Futawatari von der Verwaltung eines fiktiven Polizeipräsidiums in der japanischen Provinz. Die erste Geschichte geht um einen Ex-Top-Mordermittler, der sich weigert, ein lukratives Ehrenamt wieder abzugeben, die zweite, um eine junge aufstrebende Polizistin, die ohne ersichtlich Grund verschwindet. Unspektakulärer geht es kaum, denn beiden Auflösungen sind, nun ja, eher banal. Da ist kein Clou, keine Überraschung, kein Suspense, kein Thrill, sondern nur bedächtiges Sezieren eines hierarchisch-autoritären Polizeiapparats. Und, weil man den Roman keinesfalls "bürokratiekritisch" lesen kann: er liefert Psychogramme von Menschen, die in einem solchen Apparat funktionieren - oder eben nicht. Keine Missverständnisse - die Bürokratie, die Yokoyama beschreibt, hat keine kafkaesken Züge, Yokoyama verfremdet nichts, er bricht nichts, er erzählt sachlich und nüchtern. Wenn die jeweilige Polizei ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft ist, porträtiert »2« die japanische Gesellschaft der 1990er Jahre en miniature. Das ist schon okay.

 

Ein Schuss ins Blaue Schon ein bisschen mehr mit Kafkas »Prozess« hat Franz Doblers Ein Schuss ins Blaue (Tropen) zu tun, der dritte Roman um den zum Privatdetektiv gewordenen Ex-Polizisten Fallner. Kafkas Josef K. wird ohne ersichtlichen Grund verhaftet, die Agentur von Fallners Bruder, für die der Ex-Cop arbeitet, bekommt einen Auftrag ohne sichtbaren Auftraggeber und ohne genaues Operationsziel und Fallner selbst ein undurchsichtiges Angebot, sich als Hitman ein Zubrot zu verdienen. Bietet Kafkas »Prozess« schon die negative Blaupause für Kriminalromane (solche mit Ermittlungsthemen), dann ist »Der Schuss ins Blaue« eine nochmals verdrehte Variante davon. Für literaturpolizeiliche Buchhalter, die einen "sauberen Plot" (was immer das sein mag) verlangen, der pure Alptraum - und deswegen extrem erfreulich. Aber natürlich gibt es einen sehr robusten und aktuellen Plot - hat etwas mit der Polizei, dem Ku-Klux-Klan und somit mit dem NSU zu tun, mehr spoilern geht nicht -, aber den baut Dobler elegant in seine (und Fallners) vielfältigen Reflexionen über das Dasein ein, frei nach dem Motto des Romans: "Der Geist ist aus der Flasche und der macht, was er will" (Danny Dziuk). Das Dasein aber ist popkulturell strukturiert - das geht von Albert Ayler und Miles Davis bis Dirty Harry und den Sopranos - und vor allem: München. Das München, das in den Mühlen des Neoliberalismus zu verschwinden droht, und dessen Chronist neben Friedrich Ani eben Franz Dobler ist. "Kriminalroman" ist für Dobler ein sehr flexibles Konzept, das keine Probleme mit lyrikartigen Einschüben oder etwa einem genialen, wenn auch unvollständigen Alphabet der Ängste von ABC-Schützen bis Ziegenpeter. Geht nicht, im Krimi? Geht doch, wenn nicht auch nicht im Krimi, aber in den Kriminalromanen von Franz Dobler. Das Genre bewegt sich doch.

 

Die Putzhilfe Zeit ist ein wichtiges Strukturelement in Regina Nösslers Die Putzhilfe (konkursbuch verlag). Die promovierte Soziologin Franziska Oswald verlässt ihr spießiges und einengendes Biotop bei Münster, lässt sich treiben und landet in Berlin, wo sie zu Marie Weber wird, der Putzhilfe. In dieser Funktion heuert sie bei Henny Mangold an, einer nicht unvermögenden Witwe in Dahlem, bei der deutlich etwas "nicht stimmt". Und dann ist da noch Sina, eine 17jähriger Rumtreiberin, die Franziska stalkt und durchaus gewaltaffin ist. Aus dieser Dreierkonstellation macht Regina Nössler einen Roman des permanenten Unbehagens. Leise, ohne große Effekte, aber ohne jeden Spannungsabfall. Ein Unglück kann jederzeit geschehen, in der Gegenwart. Aber die Unglücke, die schon geschehen sind, bleiben noch verborgen. Eine der drei Hauptfiguren wird von Nössler millimeterweise gedreht, lange Zeit völlig unmerklich. Das ist ganz großes Suspense-Handwerk, von diabolischer Konsequenz. Und ein virtuoser Tritt ans Schienbein aller Identifikationsleserinnen und -leser. Zudem tut Die Putzhilfe so, als sei das Buch ein kratzbürstiger Berlin-Roman: Selten wurde die Stadt zu angewidert beschrieben wie das die provinzflüchtige Franziska tut, der böse Blick, der jede Schmutzecke sieht - und der letztendlich für den Charakter der Figur entscheidend ist. Aber bis man das merkt... Die Putzhilfe ist nach »Schleierwolken« das nächste Meisterwerk von Regina Nössler.

 

Ultimatum Tempo, Dynamik, Action - das gilt auch für den fünften de-Bodt-Roman von Christian von Ditfurth: Ultimatum (C.Bertelsmann). Wieder muss sich der dauerphilosophierende Berliner Mordkommissar Eugen de Bodt zusammen mit seiner Crew und den schon bekannten russischen und französischen Kolleg*innen mit Supergangster Bob herumschlagen, wobei diesmal hinter Bob noch zwei viel größere Supergangster stecken, die natürlich in Amt und Würden sind... Arg malträtiert werden dabei der Gatte unserer Kanzlerin und die Gattin von Monsieur Macron. Und Giftkram in Trinkwasser zu kippen, ist auch eher beklagenswert. Aber natürlich geht es nicht um solche Lappalien, sondern um etwas viiiiiiieeeel Größeres. Das ist bunt, laut, krachend und vergnüglich. Spott und Häme für Verschwörungstheoretiker, denn darauf kämen selbst die nicht. Mega-Fun!

 

Die verdammten Türen sprengen und andere Lebenslektionen Michael Caines Biographie vom Cockney zum Weltstar ist ja Legende, alleine seine Rolle in der Ted-Lewis-Verfilmung »Get Carter«, einem Klassiker des BritNoir, hat ihn in die Hall of Fame gehievt. In Die verdammten Türen sprengen und andere Lebenslektionen (Alexander Verlag, dt. von Julian und Gisbert Haefs) versucht es sich als Lebensberater, was bei jedem anderen peinlich danebengegangen wäre. Aber seine Selbststilisierung als jemand, der stets auf dem Boden geblieben ist, kommt derart charmant und cool rüber, dass man dankbar ist für einen unhysterischen, sehr gelassenen Point-of-View auf die Welt. Und natürlich ist das Büchlein vollgestopft mit lustigen Stories über eine Menge Celebrities. Ein Michael-Caine-Fanbuch.

 

Die Kunst der Illusion Täuschen, tricksen, reinlegen - das ist Kerngeschäft von Crime Fiction. Auch Zauberer, Illusionisten, Magier, Spiritisten und andere Leute, die nach dem Prinzip "mundus vult decipi" agieren, brauchen ein dankbares Publikum, das sich gerne an der Nase rumführen lässt. Davon erzählt der opulente Band von Matthew L. Tompkins: Die Kunst der Illusion. Magier, Spiritisten und wie wir uns täuschen lassen (Dumont, dt. von Petra Frese). Fette Beute auch für Leute, die dem Hokuspokus auf die Schliche kommen wollen. Hier finden Sie Material (Bilder aller Art, Quellen galore) in Hülle und Fülle und ein paar kluge Anmerkungen zur experimentellen Psychologie. Unsere Wahrnehmung von Welt ist in der Tat ein fragiles Ding, aber an irgendwas Übernatürlichem liegt das bestimmt nicht.

 

Play yourself, man! Wolfram Knauer: "Play yourself, man!" Die Geschichte des Jazz in Deutschland (Reclam) ist die erste, wirklich brauchbare Geschichte des Jazz in Deutschland - von den Anfängen bis heute. Faktensicher, einschätzungssicher, schon fast übermenschlich gerecht, schlichtweg kompetent. Jazzgeschichte als Kulturgeschichte, klug und weise, ohne die üblichen ideologischen Querelen. Ach, wenn es sowas nur für die Kriminalliteratur gäbe! Und was Jazz und Kriminalliteratur gemeinsam haben, müssen wir hier nicht noch mal durchkauen. Nur so viel: An dem Punkt hatte der jazzhassende Adorno doch recht, wenn auch anders, als er es meinte.

 

© Thomas Wörtche, 2020

 

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