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Geiseldrama im alten Schlachthaus

Horst Eckert über Jeffery Deavers Roman »Schule des Schweigens«

 

Schule des Schweigens Seit seinem Roman »Die Assistentin« (verfilmt mit Denzel Washington unter dem Titel »Der Knochenjäger«) ist der US-amerikanische Autor Jeffery Deaver auch hier zu Lande einem breiteren Publikum bekannt. Noch spannender und ein Muss für Krimifreunde ist allerdings sein zuvor erschienener Roman Schule des Schweigens (1998, Goldmann-Taschenbuch).

Drei schwerkriminelle Ausbrecher kidnappen eine Gruppe von acht gehörlosen Mädchen samt zweier Lehrerinnen und verschanzen sich mit ihnen in einem stillgelegten Schlachthaus. FBI-Agent Arthur Potter, erfahrener Spezialist für Verhandlungen mit Geiselnehmern wird an den Tatort gerufen und übernimmt das Kommando über eine Armada diverser Polizeikräfte. Potters Maxime: Die Gangster dürfen das Gebäude nur verlassen, um sich zu ergeben. Ein nervenaufreibendes Feilschen um das Leben der Geiseln nimmt seinen Lauf.

Das alte Schlachthaus wird zur Hölle für die Schülerinnen und die beiden Frauen, während draußen Potter an mehreren Fronten kämpfen muss: Gegen die Medien - immerhin verfügen die Geiselnehmer über einen Fernsehapparat und könnten Potters Täuschungsmanöver durchschauen -, gegen die örtliche Polizei, die lieber schießen möchte als verhandeln, gegen das Spezialkommando des Bundesstaates Kansas, das angetrieben von einem geltungssüchtigen Gouverneur die Geiseln auf eigene Faust zu befreien plant, gegen einen Staatsanwalt, der den Gangstern nachgeben will, um das Leben der Mädchen zu retten, und sich dabei mit den Medien verbündet. FBI-Mann Potter wird zunehmend von Selbstzweifeln geplagt. Drinnen findet die taubstumme Melanie, die jüngere der beiden Lehrerinnen, zu ungeahntem Mut. Handy, der Anführer der Geiselnehmer bleibt dagegen eiskalt, als hielte er Trümpfe in der Hand, von denen keiner etwas ahnt. Und tatsächlich nimmt die Geschichte kurz vor Schluss eine weitere, atemberaubende Wendung.

Deavers Sprache ist knapp und trocken, seine Figurenzeichnung plausibel und ohne die seitenlange Schilderung von Äußerlichkeiten, wie sie in schwächeren US-Krimis oft üblich ist. Die Vielzahl der Konflikte, die ständig drohende Katastrophe und vor allem die Authentizität der Beschreibung tragen den Plot mühelos über 506 Seiten. Keine Klischees, keine Heldenfiguren, Deaver verzichtet auf jede Schwarzweißmalerei. Nur ein Tag, fast ausschließlich ein Schauplatz - auch dadurch wird das Ganze aufregend dicht. Mit Schule des Schweigens hat sich Jeffery Deaver in die Spitzengruppe der zeitgenössischen Kriminalschriftsteller geschrieben.

© Horst Eckert, 2000

Jeffery Deaver: Schule des Schweigens. (A Maiden's Grave). Roman. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. München: Goldmann Taschenbuch Verlag, 1998 (1. Aufl. - München: Blanvalet, 1996), 506 S., 14.90 DM

 

Horst Eckert Kurzportrait Horst Eckert

Dass nicht nur in den USA gute Polizeiromane geschrieben werden, zeigt Horst Eckert. Mit seiner harten und düsteren Sprache, den raffinierten Plots, die oft mit den Romanen von James Ellroy verglichen wurden, hat sich Horst Eckert in der Spitze der deutschen Krimi-Autoren etabliert. Auch in seinem neuen Roman, Die Zwillingsfalle (Grafit), wird deutlich, dass sich Düsseldorf als Schauplatz für rasante Cop-Novels genauso gut eignet, wie etwa New York, Los Angeles oder auch Isola: Fulminant aufbereiteter, komplexer Stoff um korrupte, karrieregeile und zermürbte Bullen, die in einem sechsfachen Mordfall mit unterschiedlichen Interessen ermitteln, vertuschen, intrigieren und ihr feines Netz schmieriger Machenschaften spinnen. Eckerts Kriminalroman ist ein Pageturner von der Ouvertüre - eine bizarre Einbruchsserie und eine völlig vergeigte Operation des Sondereinsatzkommandos - bis zur Lösung des Falles, durch die mitnichten Recht und Ordnung und schon gar nicht die Moral wiederhergestellt ist.

Horst Eckert wurde im Mai 1959 in der Oberpfalz geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Politische Wissenschaften in Erlangen und Berlin. 1987 zog Horst Eckert nach Düsseldorf und arbeitet seitdem als Fernsehjournalist, u.a. für WDR, Vox und RTL.

Seit seinem ersten Kriminalroman »Annas Erbe«, der 1995 im Dortmunder Grafit Verlag erschien, schreibt Horst Eckert Cop-Novels, die in der Grauzone zwischen Recht und Verbrechen spielen. Eckerts Hauptfiguren sind keine Helden, sondern kranke, zermürbte, korrupte Figuren:

»Was mich besonders interessiert, meine Phantasie anregt und herausfordert, ist die Schnittstelle zwischen Recht und Verbrechen, an der sich die polizeilichen Ermittler in ihrem Arbeitsalltag bewegen. Sie kann zur Grauzone werden, in der sich die Aufklärer durch Macht, Geld oder bürokratische Mechanismen ihrer eigenen Behörde korrumpieren lassen, wegsehen, mitmachen oder gar zu geheimen verbrecherischen Drahtziehern werden.
         Am Anfang meiner Geschichten steht jedesmal die Idee zu einer Hauptfigur, die in irgend einem tiefgreifenden Konflikt steht (Thann, Engel, Nowak, Becker, Bach/Köster). Sie hat eine Leiche im Keller, irrt sich grundlegend über ihre engsten Bezugspersonen, ihre Welt gerät aus aus den Fugen. Sie soll den "Fall" aufklären und zugleich mit der eigenen Vergangenheit und sich selbst fertig werden. Am besten hängt beides auch noch zusammen. Es geht mir also nicht nur um den Mord und seine Aufklärung, und meine Hauptpersonen sind keine strahlenden Helden, sondern Menschen mit Macken, schwierig und interessant zugleich. Und weil das Schicksal meiner Figuren in der Regel existenziell mit der eigentlichen Krimihandlung verknüpft ist, muss ich mein Personal von Roman zu Roman austauschen. Sonst wäre die einzelne Figur überfrachtet und unglaubwürdig - oder ich müsste einen Gang zurückschalten und aus meinen besessenen Menschen einfache, nette Serienhelden machen. Davon gibt es genug und sie langweilen mit der Zeit.«

Horst Eckert schreibt keine Fortsetzungsromane, aber Randfiguren früherer Romane tauchen als Hauptfiguren in den neuen auf, und die Helden der älteren Werke haben oft kleinere Gastrollen in den aktuellen. Mit seinen düsteren, glänzend konstruierten Romanen braucht sich Horst Eckert auch vor den großen amerikanischen Autoren nicht zu verstecken.

Horst Eckert erhielt für seinen Roman »Aufgeputscht« den »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres. Sein Roman »Die Zwillingsfalle« wurde 2001 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

 

Bibliographie:

Annas Erbe, 1995
Bittere Delikatessen, 1996
Aufgeputscht, 1997
Finstere Seelen, 1999
Die Zwillingsfalle, 2000
Ausgezählt, 2002
Purpurland, 2003
617 Grad Celsius, 2005
Königsallee, 2007.
Sprengkraft, 2009.
Niederrhein-Blues und andere Geschichten, 2010.
Schwarzer Schwan, 2011.
Schwarzlicht, 2013.
Schattenboxer, 2015.
Wolfsspinne, 2016.

 

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